Die stille Kalkulation am Küchentisch: Wie die Honorarkürzung Praxen in den Existenzdruck zwingt
Warum 4,5 Prozent weniger Vergütung in der Psychotherapie einen strukturellen Exodus bedeuten können
Es ist 22:47 Uhr. Die letzte Sitzung war um 19 Uhr. Seitdem sitzt Karla T., 42, niedergelassene Psychotherapeutin im ländlichen Hessen, an ihrem Küchentisch. Vor ihr ein Laptop, eine Tabelle, ein Kaffee, der längst kalt ist. Sie rechnet. Nicht Sitzungen. Sondern ob ihre Praxis im nächsten Jahr noch existieren wird. Die Honorarabsenkung um 4,5 Prozent ist für sie keine abstrakte Zahl. Sie ist der Unterschied zwischen einer halben Teilzeitstelle für ihre Praxismanagerin – und keiner.
Die Kostenstruktur psychotherapeutischer Praxen
Anders als in anderen medizinischen Fachrichtungen gibt es in der Psychotherapie keine Geräte, die Umsatz generieren. Kein Ultraschall, kein MRT, kein Labor. Der Umsatz entsteht ausschließlich über Sitzungen – Zeit gegen Geld, im wörtlichsten Sinne. Gleichzeitig sind die Fixkosten hoch:
- Miete und Nebenkosten (oft Innenstadtlagen, schalldichte Räume, Wartezimmer)
- Personal (Rezeption, Praxismanagement, ggf. angestellte Therapeut:innen)
- Verpflichtende Supervision und Fortbildung
- Berufshaftpflicht, IT, Datenschutz, Abrechnungssoftware
- Altersvorsorge, Versorgungswerk, Einkommensteuer
Bei einer durchschnittlichen Praxis mit einem Jahresumsatz im sechsstelligen Bereich bedeutet eine lineare Kürzung von 4,5 Prozent einen Einbruch des operativen Gewinns, der oft zweistellig prozentual ausfällt. Das liegt am Hebeleffekt der Fixkosten: Wenn die Einnahmen sinken, aber Miete, Personal und Pflichtausgaben gleich bleiben, schrumpft der Gewinn überproportional.
„Diese Kürzungen sind kein Sparbeitrag. Das ist aktive Versorgungsgefährdung." – KBV-Vorstandsvorsitzender
Was die Kürzung strukturell auslöst
- Rückzug aus der GKV-Versorgung: Mehr Kolleg:innen wechseln in die reine Privatpraxis – das verschärft den Versorgungsmangel für gesetzlich Versicherte.
- Weniger Niederlassungen: Die Kassensitzbewertung sinkt, junge Fachkräfte entscheiden sich für Anstellung in Kliniken oder Onlineplattformen.
- Leistungsreduktion: Aufwendige Gutachten, Gruppenangebote oder Angehörigengespräche werden wirtschaftlich unattraktiv.
- Personalabbau: Praxismanagement wird gekürzt – was paradoxerweise die administrative Last auf Therapeut:innen zurückverlagert.
- Praxisabgaben scheitern: Ältere Kolleg:innen finden keine Nachfolger:innen, Sitze fallen leer.
Das Problem der politischen Unsichtbarkeit
Eine einzelne Praxis, die schließt, erzeugt keine Schlagzeile. Aber hundert Praxen, die schließen, verändern die Versorgungslandschaft einer ganzen Region. Genau darauf verweist die KBV: Die Kürzung ist nicht nur eine Honorarfrage, sondern eine Strukturentscheidung. Dass das Bundesgesundheitsministerium den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses nicht beanstandet, wird in dieser Lesart zu einem politischen Versäumnis mit langfristigen Folgen.
Was Praxisinhaber:innen jetzt strategisch tun können
- Betriebswirtschaftliche Kennzahlen kennen: Wie hoch sind Fixkosten, variable Kosten, Deckungsbeitrag pro Sitzung? Ohne diese Zahlen ist keine fundierte Entscheidung möglich.
- Administrative Last reduzieren: Dokumentation, Abrechnung, Terminmanagement sind durch digitale Tools zu 50–70 Prozent automatisierbar.
- Leistungsspektrum schärfen: Welche Leistungen sind wirtschaftlich? Welche sind ideell wichtig, aber defizitär – und wie lassen sie sich finanzieren?
- Kooperationen prüfen: Gemeinschaftspraxen, MVZ-Modelle, Jobsharing – Strukturen, die früher unüblich waren, werden heute wirtschaftlich relevant.
- Politische Interessenvertretung ernst nehmen: Verbandsmitgliedschaft, Petitionen, regionale Gespräche mit Abgeordneten sind keine Luxusausgabe – sie sind Investition in die Rahmenbedingungen des eigenen Berufs.
Fazit: Zwischen Protest und Profession
Psychotherapie ist ein Beruf mit tiefen ideellen Wurzeln. Aber sie ist zugleich ein Wirtschaftsbetrieb mit realen Zahlen. Die Honorarkürzung trifft diese Doppelnatur an ihrem empfindlichsten Punkt. Der Protest in Berlin war notwendig – doch parallel braucht es die Bereitschaft jeder einzelnen Praxis, sich wirtschaftlich zu professionalisieren. Wer beides verbindet, politische Stimme und unternehmerische Stärke, sichert seine Existenz – und die Versorgung seiner Patient:innen.