Das blinde Fleck der Psychotherapie: Warum Komorbiditäten so oft übersehen werden – und was das für Patienten bedeutet

ADHS mit Depression. Autismus mit Angststörung. Burnout mit PTBS. Komorbide Störungen sind die Regel, nicht die Ausnahme – aber viele Praxen diagnostizieren nur die erste Ebene

Therapeutin sitzt nachdenklich vor Unterlagen – symbolisiert diagnostische Komplexität

Ein Patient kommt mit ADHS. Der Therapeut stellt die Diagnose, entwickelt einen Behandlungsplan, beginnt die Therapie. Drei Monate später sind die Fortschritte bescheiden. Der Patient ist weiterhin erschöpft, zieht sich zurück, schläft schlecht. Was zunächst wie ein schwieriger Therapieverlauf aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als etwas anderes: eine unbehandelte depressive Episode, die parallel zur ADHS läuft – und die niemand systematisch erfasst hat.

Dieses Szenario ist kein Einzelfall. Es ist ein strukturelles Muster, das sich durch die gesamte psychotherapeutische Versorgung zieht.

Die Zahlen sind eindeutig – die Praxis hinkt hinterher

Die Forschungslage ist klar: Komorbide psychische Störungen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Mehr als 50 Prozent der Menschen mit einer diagnostizierten psychischen Erkrankung erfüllen gleichzeitig die Kriterien für mindestens eine weitere Diagnose. Bei ADHS liegt die Komorbiditätsrate noch höher: Etwa 70 bis 80 Prozent der betroffenen Erwachsenen haben eine oder mehrere Begleiterkrankungen – am häufigsten Depression, Angststörungen, Schlafstörungen oder Substanzabhängigkeit. Bei Autismus-Spektrum-Störungen ist das Bild ähnlich: Angststörungen, ADHS und Depressionen kommen in dieser Gruppe so häufig vor, dass die Frage nicht mehr ist ob, sondern welche komorbiden Störungen vorliegen.

"Wenn ein Patient mit ADHS kommt und ich nicht auch auf Depression, Angst und Burnout schaue, diagnostiziere ich nur einen Teil eines komplexen Bildes. Das ist so, als würde ich bei Bauchschmerzen nur den Magen untersuchen." – Psychiater, Universitätsklinik

Warum Komorbiditäten so oft unentdeckt bleiben

Es wäre unfair, Therapeuten für übersehene Komorbiditäten persönlich verantwortlich zu machen. Die Ursache liegt tiefer: im System, nicht im Individuum. Erstens dominiert die Hauptdiagnose das klinische Bild. Wenn ein Patient mit ausgeprägtem ADHS kommt, richtet sich die Aufmerksamkeit natürlicherweise auf dieses Störungsbild. Subtile Hinweise auf eine parallele depressive Symptomatik gehen im Rauschen unter. Zweitens fehlt in vielen Praxen die strukturelle Möglichkeit, schnell und ohne Zusatzaufwand eine breite Ersteinschätzung zu mehreren Störungsbereichen zu machen. Jeder zusätzliche Fragebogen bedeutet: drucken, aushändigen, einsammeln, manuell auswerten. Bei zehn Patienten pro Tag kommt da schnell eine Stunde Mehrarbeit zusammen, die schlicht nicht vorhanden ist.

Was übersehene Komorbiditäten klinisch bedeuten

Eine nicht erkannte Komorbidität ist nicht nur eine diagnostische Lücke. Sie ist ein aktiver Störfaktor in der Therapie. Wenn eine Depression nicht behandelt wird, weil sie nicht diagnostiziert ist, unterminiert sie jeden Fortschritt in der ADHS-Therapie. Wenn eine Angststörung als "Persönlichkeitszug" abgetan wird, weil niemand systematisch nachgefragt hat, bleibt der Patient in einem Leidensmuster gefangen, das therapeutisch veränderbar gewesen wäre. Die Konsequenzen sind real: längere Therapieverläufe, höhere Rückfallraten, suboptimale Behandlungsergebnisse – und Patienten, die das Gefühl haben, dass "Therapie bei mir einfach nicht so gut wirkt".

Wie IDA Health das strukturell verändert

IDA Health löst das Problem nicht durch Appelle an Therapeuten, mehr zu diagnostizieren. Es löst es, indem es das Diagnostizieren einfach macht. Wenn ein Patient mit ADHS-Verdacht kommt, kann der Therapeut in wenigen Sekunden neben der ASRS V1.1 und der WURS auch den PHQ-9, den GAD-7 und den CBI digital an den Patienten senden. Der Patient füllt alle Bögen von zu Hause aus. Die automatisch ausgewerteten Ergebnisse liegen vor dem nächsten Termin vollständig vor – Subskalen, Normwertvergleiche, Auffälligkeiten hervorgehoben. Aus einem Screeningpaket, das früher zwei Stunden Aufwand bedeutete, werden fünf Minuten Vorbereitung.

Das Resultat: Komorbide Störungen werden nicht mehr übersehen, weil die Hürde zur Erfassung zu hoch war. Sie werden systematisch miterfasst – und wenn sie vorhanden sind, kann die Therapie von Anfang an auf dem richtigen Fundament aufgebaut werden.

Früh erkennen, besser behandeln

Es gibt einen weiteren Aspekt, der selten diskutiert wird: Komorbiditäten entstehen nicht immer zu Therapiebeginn. Sie entwickeln sich manchmal im Verlauf – als Reaktion auf Lebensveränderungen, als Folge unbehandelter Primärsymptome, oder als eigenständige Störungsverläufe, die parallel weiterlaufen. Eine Praxis, die Verlaufsdiagnostik betreibt – die also denselben Patienten in bestimmten Abständen erneut screent – erkennt diese Entwicklungen früh. Auf IDA Health kann derselbe Fragebogen nach drei Monaten erneut versendet werden. Der Therapeut sieht nicht nur den aktuellen Score, sondern den Verlauf als Kurve. Das ist Diagnostik als kontinuierlicher Prozess, nicht als einmalige Momentaufnahme.

Für Patienten bedeutet das: Sie werden nicht nur einmal verstanden. Sie werden über die Zeit verstanden.

Komorbidität Psychotherapie, ADHS Depression übersehen, Autismus Angststörung Komorbidität, Diagnostik Qualität, psychische Erkrankungen Mehrfachdiagnose