Intelligenz, Offenheit und das Lernen von anderen: Was eine neue Studie über soziales Lernen verrät

Wer übernimmt bereitwillig bessere Lösungen von anderen – und wer hält hartnäckig am Bekannten fest? Eine neue Forschungsarbeit zeigt: Es liegt an Persönlichkeit und Intelligenz.

Menschen beobachten einander beim Lösen einer Aufgabe – soziales Lernen und individuelle Unterschiede

Stellen Sie sich vor, Sie haben gelernt, eine bestimmte Aufgabe auf eine bestimmte Weise zu erledigen. Dann zeigt Ihnen jemand eine andere Methode – schneller, effizienter, eleganter. Übernehmen Sie sie? Oder halten Sie an Ihrem Weg fest, nur weil er vertraut ist? Die Antwort auf diese Frage ist nicht trivial. Sie entscheidet darüber, ob Menschen und Gesellschaften sich weiterentwickeln – oder ob sie an suboptimalen Mustern festhalten, selbst wenn Besseres verfügbar ist.

Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal *Personality and Individual Differences* (Burtenshaw, Walker, Gignac, Grueter & Fay, 2026), hat genau diese Frage untersucht – und dabei zwei der zentralsten Persönlichkeitsmerkmale der Psychologie in den Blick genommen: Intelligenz und Offenheit für neue Erfahrungen (Openness to Experience). Die Ergebnisse überraschten selbst die Forschenden.

Was ist soziales Lernen – und warum ist es so wichtig?

Soziales Lernen bezeichnet den Prozess, durch den Menschen neue Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Wissen oder Einstellungen erwerben, indem sie andere beobachten und imitieren. Es ist die Grundlage kultureller Evolution: Werkzeuge verbessern sich über Generationen, weil Menschen voneinander lernen, Innovationen übernehmen und sie weiterentwickeln. Ohne soziales Lernen gäbe es keine kumulative Kultur – keine Sprache, keine Technologie, keine Wissenschaft.

Gleichzeitig ist soziales Lernen kein automatischer Prozess. Menschen lernen selektiv: Sie übernehmen manche Lösungen, lehnen andere ab, und halten manchmal hartnäckig an eigenen Strategien fest, selbst wenn die der anderen besser sind. Welche Faktoren bestimmen diese Selektion? Die Studie liefert konkrete Antworten – und unterscheidet dabei zwischen zwei grundlegenden Lerntendenzen.

Zwei Lerntendenzen: Content Bias und Maintenance Bias

Die Forschenden unterscheiden zwei zentrale Tendenzen im sozialen Lernen:

Beide Tendenzen sind evolutionär sinnvoll. Content Bias fördert Fortschritt; Maintenance Bias schützt davor, bewährte Lösungen leichtfertig aufzugeben. Aber im Übermaß wird Maintenance Bias zum Problem: Er hält Menschen in suboptimalen Mustern fest – in der Arbeit, in Beziehungen, und auch im Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit.

Die Studie: Design und Methode

Die Forschenden der University of Western Australia entwickelten eine Reihe von Verhaltensaufgaben, um soziales Lernen unter kontrollierten Bedingungen zu messen. In jeder Aufgabe wurden die Teilnehmenden zunächst auf eine Lösung trainiert – zum Beispiel eine bestimmte Route durch ein Labyrinth oder eine bestimmte Zahlenkombination für ein Schloss. Danach wurde ihnen eine neue Lösung gezeigt, die besser, gleichwertig oder schlechter als die gelernte Lösung war. Die Kernfrage: Wechseln die Teilnehmenden zur neuen Lösung – oder halten sie an der vertrauten fest?

Ergänzend wurden Intelligenztests (verbaler Wortschatztest, Matrizentest nach Raven, Arbeitsgedächtnistest, Verarbeitungsgeschwindigkeitstest) sowie der HEXACO-60-Persönlichkeitsfragebogen durchgeführt, der unter anderem Offenheit für neue Erfahrungen erfasst. Die Gesamtstichprobe umfasste 570 Personen aus zwei Samples – Studierende der University of Western Australia sowie Teilnehmende über die Online-Plattform Prolific.

Befund 1: Alle Menschen zeigen Content Bias – und Maintenance Bias

Das erste wichtige Ergebnis: Im Durchschnitt zeigten alle Teilnehmenden klaren Content Bias. Je besser die neue Lösung war, desto wahrscheinlicher wurde sie übernommen. Das ist intuitiv nachvollziehbar und bestätigt das Grundprinzip adaptiven sozialen Lernens: Menschen bevorzugen bessere Lösungen.

Gleichzeitig war Maintenance Bias deutlich ausgeprägt: Wenn die neue und die alte Lösung gleichwertig waren, hielten die meisten Teilnehmenden an der vertrauten fest. In der Schlossbrettaufgabe war die Wahrscheinlichkeit, bei gleichwertigen Lösungen zu wechseln, nur 21 % – also blieben 79 % bei ihrer ursprünglichen Lösung, obwohl es keinen rationalen Vorteil gab. Im Labyrinth war die Neigung noch stärker: Nur 6 % wechselten bei gleichwertigen Alternativen. Diese Zahlen zeigen, wie stark das Vertraute unsere Entscheidungen prägt – auch wenn es keinen objektiven Vorteil hat.

Befund 2: Intelligenz fördert adaptives Wechselverhalten

Der nächste Befund war klarer: Höhere Intelligenz war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, zu einer besseren Lösung zu wechseln. Menschen mit höherer Allgemeinintelligenz zeigten stärkeren Content Bias – sie erkannten besser, wann ein Wechsel sinnvoll war, und handelten entsprechend.

Interessanterweise war Intelligenz aber auch mit einer (geringeren) erhöhten Bereitschaft verbunden, zu schlechteren Lösungen zu wechseln. Warum? Die Forschenden vermuten zwei Erklärungen: Erstens sind intelligentere Menschen möglicherweise stärker motiviert, kognitive Herausforderungen zu suchen – und eine neue, unbekannte Lösung ist kognitiv interessanter als die vertraute. Zweitens scheinen die Kosten eines Fehlers für intelligentere Menschen geringer zu sein: Sie machen beim Erlernen schlechterer Lösungen weniger Fehler, sodass der „Verlust" eines suboptimalen Wechsels für sie kleiner ist.

"Mehr Intelligenz bedeutet nicht nur bessere Entscheidungen – es bedeutet auch, dass schlechtere Entscheidungen weniger Schaden anrichten." – Burtenshaw et al., 2026

Befund 3: Offenheit fördert Neugier – auch für schlechtere Lösungen

Der überraschendste Befund betrifft Offenheit für neue Erfahrungen (Openness to Experience). Dieser Persönlichkeitszug beschreibt die Tendenz, intellektuell neugierig, kreativ und offen für Neues zu sein. Die Hypothese der Forschenden: Offenere Menschen sollten seltener an vertrauten Lösungen festhalten und häufiger wechseln.

Das Ergebnis war nur teilweise wie erwartet. Höhere Offenheit war tatsächlich mit häufigerem Wechselverhalten verbunden – aber nicht selektiv für bessere Lösungen. Offenere Menschen wechselten häufiger zu gleichwertigen oder sogar schlechteren Alternativen, zeigten aber keinen Unterschied beim Wechseln zu überlegenen Lösungen. Mit anderen Worten: Offenheit treibt Neugier an Neuem – unabhängig von dessen Qualität. Menschen mit hoher Offenheit scheinen das Neue selbst als Wert zu betrachten, nicht nur das Bessere.

Die Forschenden sehen einen möglichen Grund darin, dass offenere Menschen dazu neigen, das Konventionelle zu meiden. Eine überlegene neue Lösung ist zwar besser – aber sie ist auch die „erwartete" Wahl. Eine schlechtere Lösung hingegen ist unkonventionell, überraschend, vielleicht sogar subversiv. Für Menschen mit hoher Offenheit könnte genau das den Reiz ausmachen.

Befund 4: Vertrautheit verstärkt die Beibehaltungstendenz

Eine zweite Teilstudie untersuchte den Einfluss von Vertrautheit auf das Wechselverhalten. Das Design war einfach: Manche Teilnehmenden übten ihre ursprüngliche Lösung nur einmal, andere dreimal, wieder andere sechsmal. Dann wurde ihnen eine neue Lösung angeboten.

Das Ergebnis war eindeutig: Je häufiger die ursprüngliche Lösung geübt wurde, desto stärker war die Tendenz, sie beizubehalten – selbst wenn die neue Lösung besser war. Bereits drei Übungsdurchgänge genügten, um Maintenance Bias deutlich zu erhöhen. Sechs Durchgänge brachten keine weitere Verstärkung. Der Effekt ist konsistent mit dem bekannten psychologischen Phänomen des Mere Exposure Effects: Das bloße Ausgesetztsein gegenüber einem Reiz – einem Gesicht, einem Klang, einer Lösung – erhöht die Präferenz für ihn, auch ohne rationalen Grund.

Was diese Befunde über psychische Gesundheit aussagen

Die Studie ist eine kognitiv-psychologische Grundlagenforschung. Aber ihre Implikationen reichen weit über Labyrinthaufgaben und Schlösser hinaus – sie berühren zentrale Muster, die auch in psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen.

Maintenance Bias und psychische Erkrankungen

Maintenance Bias ist in psychologischer Sprache eng verwandt mit Konzepten wie Rigidität, kognitiver Unbeweglichkeit und Vermeidungsverhalten. Viele psychische Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine hohe Beibehaltungstendenz: Das Festhalten an negativen Gedankenmustern trotz gegenteiliger Erfahrungen (Depression). Das Beibehalten von Vermeidungsstrategien trotz des Wissens, dass sie langfristig schaden (Angststörungen). Das Verharren in unproduktiven Verhaltensweisen trotz dem Wunsch nach Veränderung (Zwangsstörungen, Suchterkrankungen). In diesem Sinne ist übermäßiger Maintenance Bias nicht nur eine kognitive Eigenheit – er ist eine der zentralen Mechanismen psychischer Starrheit.

Intelligenz als Schutzfaktor?

Die Studie legt nahe, dass Intelligenz dabei hilft, bessere Alternativen zu erkennen und zu übernehmen. In der Psychotherapie ist die Fähigkeit, dysfunktionale Muster zu erkennen und neue Verhaltensweisen zu integrieren, eine Kernvoraussetzung für Veränderung. Es wäre vereinfachend zu sagen, dass intelligentere Menschen automatisch gesünder sind – aber die Befunde deuten darauf hin, dass kognitive Flexibilität, ein Kernbestandteil von Intelligenz, die Bereitschaft zur Verhaltensänderung unterstützt.

Offenheit als doppelschneidiges Schwert

Die Befunde zu Offenheit sind differenzierter. Einerseits ist Offenheit mit weniger Maintenance Bias verbunden – offenere Menschen halten seltener starr an Bekanntem fest, was therapeutisch vorteilhaft sein kann. Andererseits zeigt die Studie, dass Offenheit nicht per se zur Übernahme besserer Lösungen führt, sondern zur Übernahme von Neuem – unabhängig von der Qualität. Das kann in manchen Kontexten nachteilig sein: Menschen mit sehr hoher Offenheit können anfälliger für neue, aber unerprobte Ideen sein, können häufiger impulsiv Routinen aufgeben, die eigentlich funktionieren, und neigen möglicherweise zu Entscheidungen, die mehr von Neugier als von rationaler Abwägung geleitet werden.

Vertrautheit und therapeutische Resistenz

Der Befund, dass Vertrautheit Maintenance Bias verstärkt, ist aus therapeutischer Perspektive besonders relevant. Je länger jemand mit einem bestimmten Muster – einem Gedanken, einer Reaktion, einem Verhalten – gelebt hat, desto stärker ist die Tendenz, daran festzuhalten. Das erklärt, warum langjährige Erkrankungen schwerer zu behandeln sind als kürzlich aufgetretene: Die Vertrautheit mit dem dysfunktionalen Muster ist selbst ein Hindernis für Veränderung. Früherkennung psychischer Erkrankungen – bevor sich Muster tief eingraben – ist damit nicht nur präventiv, sondern hat auch unmittelbare therapeutische Vorteile.

Was die Studie für den Alltag bedeutet: Drei Fragen zur Selbstreflexion

Die Befunde dieser Forschungsarbeit laden dazu ein, die eigenen Lerntendenzen zu hinterfragen. Wie stark ist der eigene Maintenance Bias? Und wo könnte er das Wohlbefinden einschränken? Drei Fragen zur Selbstreflexion:

Die Antworten auf diese Fragen sind keine moralischen Urteile. Sie sind Einblicke in das eigene kognitive und emotionale Repertoire – und in die Muster, die vielleicht einer genaueren Betrachtung wert sind.

Die Grenzen der Studie

Die Forschenden selbst benennen wichtige Einschränkungen, die eine differenzierte Einordnung der Befunde erfordern:

Fazit: Lernen, Verändern, Bleiben – wann welches Muster hilfreich ist

Die Studie von Burtenshaw und Kollegen liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie individuelle Eigenschaften das soziale Lernen formen. Intelligenz hilft dabei, bessere Lösungen zu erkennen und zu übernehmen. Offenheit fördert die Bereitschaft zum Wechsel – aber nicht selektiv in Richtung Besseres. Vertrautheit stärkt die Tendenz, Bekanntes beizubehalten – auch wenn Besseres verfügbar wäre.

Im Kontext psychischer Gesundheit bedeutet das: Die Fähigkeit zur Veränderung ist keine Frage des Willens allein. Sie ist eingebettet in kognitive Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Gewohnheiten, die sich über Zeit geformt haben. Wer versteht, wie diese Faktoren zusammenwirken, kann gezielter daran arbeiten – mit professioneller Unterstützung, oder als erster Schritt mit einem strukturierten Selbstscreening, das Klarheit über die eigene psychische Ausgangslage schafft.

soziales Lernen Intelligenz, Offenheit Persönlichkeit Neuheit, Intelligenz Entscheidungen, Verhaltensänderung Psychologie, kulturelle Evolution, Neurodivergenz Lernen, Maintenance Bias, Content Bias, Persönlichkeit Entscheidungsfindung, Psychologie Forschung 2026, Veränderungsbereitschaft, individuelle Unterschiede