Eine einzige Frage – und sie sagt voraus, ob ein Kind mit Angststörungen aufwächst
Neue Studie zeigt: Geräuschempfindlichkeit mit 11 Jahren ist ein robuster Frühindikator für Angst im Jugendalter – unabhängig von Autismus, ADHS oder bestehenden Vorbelastungen
Ein Kind sitzt in der Mensa. Das Klappern von Besteck, das Stimmengewirr, der Hall in der Aula – für die meisten ein gewöhnlicher Lärmpegel. Für dieses Kind ist es unerträglich. Es zieht sich zurück, meidet die Pause, entwickelt Strategien, Situationen zu umgehen, die für andere selbstverständlich sind. Was steckt dahinter? Und was sagt das über seinen weiteren Entwicklungsweg aus? Eine neue Längsschnittstudie, veröffentlicht im August 2025 im Journal of Child Psychology and Psychiatry, liefert eine wissenschaftlich belastbare Antwort – und sie ist klinisch bedeutsam.
Was ist Hyperakusis – und warum ist sie mehr als ein Hörproblem?
Hyperakusis bezeichnet eine ausgeprägte Überempfindlichkeit gegenüber alltäglichen Geräuschen, die für die meisten Menschen keinerlei Belastung darstellen. Nicht laute Knallgeräusche oder Konzerte – sondern das Klappern von Geschirr, fließendes Wasser, Stimmenlärm in Räumen oder das Surren eines Kühlschranks. Bei betroffenen Menschen kann dies zu körperlichem Unbehagen, Schmerz, starker Anspannung oder Panik führen. Die Prävalenzschätzungen variieren je nach Definition und Messmethode zwischen 3 und über 20 Prozent der Bevölkerung.
Hyperakusis tritt häufig im Kontext von Autismus auf, korreliert aber auch mit ADHS, Legasthenie, Dyspraxie und anderen Formen der Neurodiversität. Gleichzeitig ist sie in der klinischen Praxis ein oft übersehenes Phänomen – weil sie selten eigenständig berichtet wird, weil sie sich hinter Vermeidungsverhalten verbirgt, und weil die Verbindung zu Angststörungen bislang kaum systematisch untersucht wurde.
Die Studie: 6.621 Kinder, eine Frage, fünf Jahre Verlauf
Foteini Tseliou und ihr Team nutzten Daten aus der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) – einer der weltweit bedeutendsten Geburtskohortenstudien. In die Analyse flossen Daten von 6.621 Teilnehmenden ein. Im Alter von 11 Jahren nahmen die Kinder an einem klinischen Hörscreening teil, im Rahmen dessen eine einzelne Frage gestellt wurde: „Haben Sie jemals Überempfindlichkeit oder Belastung durch bestimmte Geräusche erlebt?" – gemeint waren ausdrücklich alltägliche Geräusche, nicht außergewöhnlich laute. 3,7 Prozent der Kinder bejahten diese Frage. Diese Gruppe wurde in der Folge auf ihre emotionalen Symptome hin beobachtet.
Das Ergebnis: Hyperakusis sagt Angst voraus – unabhängig von allem anderen
Kinder mit Hyperakusis im Alter von 11 Jahren zeigten im Alter von 13 Jahren signifikant höhere Angstsymptome – gemessen an Sorgen, Nervosität und Ängsten. Dieser Zusammenhang blieb stabil, selbst wenn die Forschenden für bereits bestehende emotionale Probleme, Autismus-Traits, ADHS-Symptome, Legasthenie und Dyspraxie kontrollierten. Mit anderen Worten: Hyperakusis sagte zukünftige Angst voraus, und zwar über alle bekannten Risikofaktoren hinaus.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Erfassung von Hyperakusis mit 11 Jahren zusätzliche prädiktive Einblicke in die Verstärkung und Aufrechterhaltung von Angst in der Adoleszenz liefern kann." – Tseliou et al., Journal of Child Psychology and Psychiatry, 2025
Besonders stark korrelierte Hyperakusis mit den SDQ-Fragen zu Sorgen, Nervosität und Ängsten – weniger mit depressiven Stimmungen oder körperlichen Beschwerden. Das deutet auf eine spezifische Assoziation mit Angst hin, nicht mit allgemeiner emotionaler Belastung. Hyperakusis war zudem besonders aussagekräftig bei Kindern, die bereits in der Grundschulzeit erhöhte Angstsymptome zeigten: Sie half vorherzusagen, bei welchen dieser Kinder die Angst persistieren würde – und bei welchen sie sich von selbst abschwächte.
- Hyperakusis mit 11 Jahren sagte Angstsymptome mit 13 Jahren voraus – auch nach Kontrolle für bestehende Angst, Autismus-Traits, ADHS, Legasthenie und Dyspraxie
- Die Assoziation war am stärksten für Sorgen, Nervosität und Ängste – nicht für depressive Stimmung oder Körperbeschwerden
- Kinder mit Hyperakusis hatten dreifach höhere Odds, auch mit 28 Jahren Hyperakusis zu berichten
- Hyperakusis sagte emotionale Probleme noch im Alter von 25 Jahren voraus
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Studie wurde mit einer einzigen Frage durchgeführt. Das ist methodisch sowohl eine Einschränkung als auch eine Stärke. Selbst ein minimalistisches Screening liefert prädiktiv verwertbare Information. Eine einzige Frage, gestellt während eines ohnehin stattfindenden Hörscreenings, kann den Blick auf das Angstrisiko schärfen. Für den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule könnte Hyperakusis-Screening ein pragmatisch integrierbares Element sein, das bestehende Risikobewertungen sinnvoll ergänzt.