Die stillen Opfer der Honorarkürzung: Was Patient:innen jetzt wirklich verlieren
Wartelisten, Versorgungslücken und das Schweigen der Betroffenen – eine Einordnung
Wenn in Berlin tausende Therapeut:innen mit Trillerpfeifen und Rettungsdecken demonstrieren, geht es nicht um sie allein. Es geht um die Menschen, für die sie da sind: depressive Alleinerziehende, traumatisierte Jugendliche, ausgebrannte Pflegekräfte, trauernde Angehörige. Sie alle tauchen in der Pressemitteilung des Bewertungsausschusses nicht auf. Aber sie sind es, die die Folgen der 4,5-Prozent-Kürzung am deutlichsten spüren werden.
Die Wartezeit ist schon heute die härteste Diagnose
Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt in vielen deutschen Regionen zwischen 5 und 9 Monaten. In ländlichen Gebieten, wo die Versorgungsdichte ohnehin geringer ist, können es 12 Monate und mehr sein. Für viele Betroffene ist das keine Wartezeit – es ist eine zweite Krankheit. Depressionen verschlimmern sich, Angstzustände manifestieren sich, Suizidgedanken werden konkret. Und nun soll die Wirtschaftlichkeit der ambulanten Psychotherapie weiter beschnitten werden.
„Wie oft kriegen wir Anfragen: Das geht nicht schnell genug. Wir brauchen mehr Plätze. Die Leute warten zu lange." – KBV-Vorstandsvorsitzender
Was Kürzungen für die Praxis konkret bedeuten
- Weniger neue Niederlassungen – junge Therapeut:innen wandern in andere Versorgungsformen ab oder gehen in die Privatpraxis.
- Reduzierte Sprechstunden – Akutsprechstunden, die vom Gesetzgeber eingeführt wurden, lohnen sich kaum noch.
- Wegfall von Gruppen- und Familienangeboten, die besonders betreuungsintensiv sind.
- Stärkere Selektion der Patient:innen – nicht aus Unwillen, sondern aus wirtschaftlichem Zwang.
Prävention durch Therapie – das unsichtbare Plus
Eine Vertreterin der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen-Verbände brachte es in Berlin auf den Punkt: „Psychotherapie für Erwachsene ist auch Prävention für Kinder." Ein Elternteil, das seine Depression behandelt, ist ein besserer Elternteil. Eine behandelte Traumafolgestörung unterbricht eine transgenerationale Kette. Wer an Psychotherapie spart, spart also nicht – er verschiebt Kosten in die nächste Generation.
Was Patient:innen jetzt tun können
- Die Online-Petition gegen die Honorarabsenkung unterzeichnen – bereits über 500.000 Menschen haben es getan.
- Im eigenen Umfeld über die Folgen sprechen: Der Mythos „Therapeut:innen verdienen ohnehin genug" blockiert Solidarität.
- Bei Wahlkreisabgeordneten nachhaken: Gesundheitsversorgung ist ein politisches Thema – besonders bei Bundestagsabgeordneten im eigenen Wahlkreis.
- Digitale und integrative Versorgungsformen nutzen: Plattformen, die Therapeut:innen entlasten, machen mehr Zeit für Patient:innen frei.
Fazit: Versorgung ist ein Grundrecht, kein Sparposten
Wer seelisch leidet, braucht Hilfe – nicht Wartelisten, nicht Kürzungen, nicht politische Schulterzucker. Die Demonstration vom 15. April 2026 war ein Signal an alle, die glauben, psychische Gesundheit sei ein Luxusproblem. Sie ist es nicht. Sie ist eine Säule unseres sozialen Zusammenhalts. Und sie verdient mehr als 4,5 Prozent weniger.