4,5 Prozent weniger Honorar – und eine ganze Berufsgruppe steht auf
Warum die Demo vom 15. April 2026 ein Weckruf für das gesamte Gesundheitswesen ist
Berlin, 15. April 2026: Auf der Paul-Löbe-Allee, zwischen Paul-Löbe-Haus und Reichstagsgebäude, ballen sich tausende Trillerpfeifen, goldglänzende Rettungsdecken flackern im Frühlingslicht, und auf den Plakaten steht ein Satz, der die Stimmung der Branche in einer Zeile einfängt: „Minus 4,5 Prozent Honorar = 0 Prozent Respekt." Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus ganz Deutschland waren an diesem Dienstag angereist, um ein klares Signal zu senden: Die Kürzungen des Erweiterten Bewertungsausschusses vom März sind nicht akzeptabel – und die Folgen werden alle treffen.
Was genau wurde beschlossen – und warum trifft es so hart?
Im März 2026 beschloss der Erweiterte Bewertungsausschuss auf Betreiben des GKV-Spitzenverbands eine pauschale Absenkung der psychotherapeutischen Honorare um 4,5 Prozent. Pauschal bedeutet: ohne Differenzierung nach Leistung, Region, Versorgungssituation oder Spezialisierung. Für eine Berufsgruppe, deren Einnahmen fast ausschließlich aus zeitgebundener, direkter Patient:innenarbeit stammen, bedeutet das einen linearen Einschnitt in die wirtschaftliche Grundlage jeder Praxis.
Während niedergelassene Fachärzt:innen in anderen Bereichen ihre Leistungsmengen flexibler anpassen können, ist die Psychotherapie strukturell limitiert: Ein Therapeut kann pro Woche nur eine bestimmte Anzahl Sitzungen anbieten. Eine Kürzung ist damit nicht „wegzuarbeiten". Sie schlägt direkt auf Miete, Personal, Fortbildung, Supervision – und am Ende auf die Versorgung durch.
„Das sind Finanzmittel, die der Versorgung der Patienten einfach weggenommen werden." – KBV-Vorstand
Rettungsdecken als Symbol – nicht als Pose
Die goldfarbenen Rettungsdecken, in die sich viele Demonstrant:innen gehüllt hatten, sind mehr als eine mediale Inszenierung. Sie sind ein präzises Bild: Psychotherapie ist für viele Menschen in akuten Lebenskrisen genau das – eine Rettungsdecke. Wer Kürzungen beschließt, schneidet in den Stoff, der Menschen wärmt, wenn sie friert. Es ist diese Doppeldeutigkeit, die den Protest so kraftvoll macht.
KBV: „Dieser Beschluss ist rechtswidrig"
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat bereits Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht. Der KBV-Vorstand zeigte sich auf der Demonstration „sehr zuversichtlich" – die pauschale Kürzung halte einer rechtlichen Prüfung nach Auffassung der KBV nicht stand. Parallel fordert die KBV das Bundesgesundheitsministerium auf, den Beschluss formell zu beanstanden. Bisher zucke das Ministerium jedoch nur mit den Schultern, so der KBV-Vorstand.
Warum dieser Protest alle angeht
- Wartezeiten steigen weiter: Schon heute warten Betroffene in vielen Regionen 6–9 Monate auf einen Therapieplatz.
- Praxisabgaben nehmen zu: Jüngere Therapeut:innen werden sich weniger Niederlassungen leisten können.
- Prävention wird geschwächt: „Psychotherapie für Erwachsene ist auch Prävention für Kinder." (Vorsitzende der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen-Verbände)
- Folgekosten explodieren: Unbehandelte psychische Erkrankungen führen zu höheren Krankenkassen- und Rentenausgaben.
Fazit: Ein Systemversagen, das nicht ignoriert werden darf
Die Demo vom 15. April 2026 war kein Lohnprotest. Sie war ein Weckruf. Wer an der Psychotherapie spart, spart an der seelischen Grundversorgung eines ganzen Landes. Wenn die Politik die „Kürzungskeule" als einzige Antwort auf strukturelle Probleme hat, ist es an der Zivilgesellschaft, lauter zu werden. Und diese Demonstration hat gezeigt: Die Stimme der Psychotherapeut:innen ist zurück in Berlin angekommen.