Autismus bei Mädchen massiv unterdiagnostiziert: Große Kohortenstudie zeigt, dass das Geschlechterverhältnis fast verschwindet

Mit 20 Jahren sind Männer und Frauen in Schweden nahezu gleich häufig diagnostiziert – aber Mädchen warten durchschnittlich drei Jahre länger auf ihre Diagnose

Jugendliches Mädchen nachdenklich am Fenster – Symbol für späte Autismus-Diagnose bei Frauen

Autismus betrifft Jungen viermal häufiger als Mädchen – so lautete jahrzehntelang der Konsens in Forschung und Klinik. Eine neue Studie des Karolinska Institutet, erschienen im Februar 2026 im renommierten British Medical Journal, stellt dieses Bild grundlegend in Frage. Die Analyse von 2,7 Millionen in Schweden geborenen Kindern zeigt: Das Geschlechterverhältnis bei Autismus-Diagnosen gleicht sich bis zum Alter von 20 Jahren nahezu vollständig an. Die Schlussfolgerung der Forschenden ist eindeutig – es liegt kein echtes Geschlechterverhältnis vor, sondern ein systematisches Versagen des Diagnosesystems gegenüber Mädchen und Frauen.

Die Studie: 35 Jahre, 2,7 Millionen Menschen

Die Studie unter Leitung von Dr. Caroline Fyfe analysierte alle zwischen 1985 und 2020 in Schweden lebend Geborenen – insgesamt 2.756.779 Personen. Über das schwedische nationale Patientenregister wurden alle Autismus-Diagnosen bis Ende 2022 erfasst, was eine Nachverfolgung bis ins Erwachsenenalter ermöglichte. Von der Gesamtpopulation erhielten 78.522 Personen (2,8 %) bis zum Ende der Beobachtungsperiode eine Autismus-Diagnose. Schweden bietet für eine solche Studie ideale Voraussetzungen: ein öffentlich finanziertes Gesundheitssystem mit vollständigen bevölkerungsweiten Registern seit den 1970er Jahren.

Der Kernbefund: Das Geschlechterverhältnis löst sich auf

Bis zum Alter von 10 Jahren wurden Jungen drei- bis viermal häufiger diagnostiziert als Mädchen – ein Verhältnis, das dem bisherigen Forschungsstand entspricht. Doch dieses Verhältnis verändert sich dramatisch mit dem Alter. Bei über 10-Jährigen sank das Verhältnis kontinuierlich. Für das Jahr 2022 errechneten die Forschenden ein kumulatives Männer-Frauen-Verhältnis von nur noch 1,2 bei 20-Jährigen. Modellprojektionen legen nahe, dass dieses Verhältnis bis 2024 bei Gleichstand (1,0) angelangt sein dürfte.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Geschlechterunterschied in der Autismus-Prävalenz viel geringer ist als bisher angenommen – bedingt durch Unterdiagnose oder Spätdiagnose bei Frauen und Mädchen." – Dr. Caroline Fyfe, Karolinska Institutet

Warum werden Mädchen so viel später diagnostiziert?

Die Studie benennt mehrere mögliche Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Erstens: Masking und Camouflage. Mädchen zeigen häufiger die Fähigkeit, autistische Merkmale zu überspielen – indem sie das Verhalten von Gleichaltrigen beobachten und imitieren, soziale Skripte auswendig lernen und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken. Diese Strategie funktioniert oft bis zur Adoleszenz, wenn soziale Anforderungen komplexer werden und Masking immer mehr Energie kostet.

Zweitens: Diagnostische Verzerrung. Die historisch entwickelten Diagnosekriterien für Autismus basieren überwiegend auf Forschung an männlichen Personen. Verhaltensweisen, die bei Jungen klar auffallen (z.B. bestimmte Formen intensiver Interessen oder motorischer Auffälligkeiten), sind bei Mädchen oft anders ausgeprägt oder werden anders interpretiert. Instrumente und Kriterien begünstigen damit systematisch die Erkennung von Autismus in männlichen Präsentationsformen.

Drittens: Diagnostische Überschattung. Autistische Mädchen erhalten häufig zunächst Diagnosen von Angststörungen, Depressionen, Essstörungen oder Persönlichkeitsstörungen – Erkrankungen, die als Reaktion auf unerkannten Autismus und die Erschöpfung durch jahrelanges Masking entstehen können. Diese Fehldiagnosen verzögern die Erkennung des zugrundeliegenden Autismus oft um Jahre.

Was das für betroffene Frauen bedeutet

Die Folgen einer späten oder fehlenden Diagnose sind konkret und schwerwiegend. Anne Cary, Patientenvertreterin und Autorin eines begleitenden Editorials im BMJ, formuliert es direkt: Während autistische Mädchen und Frauen auf eine angemessene Diagnose warten, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit mit psychiatrischen Erkrankungen – insbesondere Stimmungs- und Persönlichkeitsstörungen – (falsch) diagnostiziert. Sie sind gezwungen, sich selbst zu vertreten, um angemessen behandelt zu werden: als autistische Patientinnen, die genauso autistisch sind wie ihre männlichen Pendants.

„Ein Mädchen, das letztlich eine Autismus-Diagnose erhalten würde, hat weniger als ein Drittel Chance, diese Diagnose vor dem 10. Lebensjahr zu bekommen." – Anne Cary, Patientenvertreterin, BMJ Editorial 2026

Die psychischen Folgekosten sind hoch: Fehldiagnostizierte autistische Frauen entwickeln häufiger komorbide Angststörungen und Depressionen – nicht als Kernmerkmal ihres Autismus, sondern als direkte Folge jahrelangen Maskings ohne Unterstützung und der Erfahrung, mit echten Bedürfnissen nicht ernst genommen zu werden.

Implikationen für die klinische Praxis

Die Befunde fordern ein Umdenken auf mehreren Ebenen. Dr. Conor Davidson, ehemaliger Autismus-Beauftragter des Royal College of Psychiatrists, beobachtet bereits eine Verschiebung in der klinischen Praxis in Großbritannien: Erwachsenenpsychiatrische Kliniken sehen zunehmend mehr Frauen als Männer, die eine Autismus-Abklärung suchen. Die Erkenntnis aus der Studie muss sich in konkreten Veränderungen niederschlagen:

Einschränkungen der Studie

Die Studie schließt ausschließlich Personen ein, deren Eltern beide in Schweden geboren wurden – was die Generalisierbarkeit auf andere ethnische und kulturelle Kontexte einschränkt. Registerdaten erlauben keine Erfassung spezifischer Merkmale oder klinischer Details jenseits der ICD-Kodierung. Komorbiditäten wie ADHS, Intelligenzminderung oder Angststörungen wurden nicht separat analysiert. Und die Projektionen für 2024 basieren auf linearer Extrapolation mit entsprechend breiteren Konfidenzintervallen. Dennoch ist die Studie methodisch eine der stärksten ihrer Art – bevölkerungsbasiert, prospektiv, 35 Jahre Nachverfolgung.

Fazit: Ein Paradigmenwechsel ist überfällig

Die Studie des Karolinska Institutet liefert den bisher überzeugendsten empirischen Beleg für das, was viele autistische Frauen und ihre Angehörigen seit Jahren berichten: Das Diagnosesystem hat sie übersehen. Nicht weil Autismus bei Mädchen seltener wäre, sondern weil die Kategorien, Instrumente und Annahmen, mit denen Autismus erkannt wird, auf ein männliches Bild von Autismus ausgerichtet sind. Bis das korrigiert ist, zahlen autistische Mädchen und Frauen den Preis – in Form von Jahren ohne angemessene Unterstützung, mit psychiatrischen Fehldiagnosen und der stillen Erschöpfung des jahrelangen Versteckens.

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