Spielzeug lenkt ab: Was Eye-Tracking über die soziale Aufmerksamkeit autistischer Kleinkinder verrät

Eine neue Studie zeigt: Werden Objekte aus dem Blickfeld entfernt, schauen autistische Kleinkinder deutlich mehr auf Gesichter

Kind bei einer entwicklungspsychologischen Untersuchung – Aufmerksamkeit und soziale Wahrnehmung bei Autismus

Wo schaut ein Kind hin, wenn es in einem Raum voller Reize sitzt? Diese einfache Frage hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis sozialer Entwicklung – und für die Praxis der Frühförderung bei Autismus. Eine neue Eye-Tracking-Studie der Hacettepe-Universität in der Türkei liefert dazu präzise Daten: Autistische Kleinkinder richten ihren Blick in sozialen Szenen deutlich seltener auf Gesichter als typisch entwickelte Gleichaltrige, und sobald Spielzeug im Bild ist, sinkt die Blickzeit auf Gesichter bei autistischen Kindern weiter auf ein Minimum. Die Studie wurde im Fachjournal Journal of Autism and Developmental Disorders veröffentlicht.

Studiendesign: Eye-Tracking bei 127 Kleinkindern zwischen 18 und 36 Monaten

Die Forscherinnen Isik Akin-Bulbul und Selda Ozdemir rekrutierten 127 Kinder im Alter von 18 bis 36 Monaten. 53 Kinder hatten eine gesicherte Autismus-Diagnose, 74 entwickelten sich typisch. Beide Gruppen waren in Bezug auf das Alter angepasst. Die Kinder saßen vor einem Monitor, der mit einem Eye-Tracker ausgestattet war – einer Kameratechnologie, die in Echtzeit verfolgt, wohin die Pupillen gerichtet sind. Ohne Aufgabe oder Aufforderung sahen die Kinder kurze Videoclips, in denen ein Erwachsener und ein Kind miteinander interagierten.

Die Clips wurden in zwei Kategorien unterteilt: drei Videos mit Spielzeug (zum Beispiel Kuscheltiere oder Spielzeugfahrzeuge) und drei Videos ohne Objekte (zum Beispiel Szenen, in denen die Personen ein Keks teilen oder über Schokolade sprechen). Die Forscherinnen markierten vier Beobachtungsbereiche auf dem Bildschirm: Gesicht, Körper, Spielzeug und Hintergrund. Anschließend berechneten sie, wie lange jedes Kind in jeden dieser Bereiche schaute.

Kernbefund 1: Autistische Kinder blicken grundsätzlich seltener auf Gesichter

Unabhängig davon, ob Spielzeug im Bild war oder nicht, schauten autistische Kinder in allen Videos deutlich weniger auf Gesichter als die typisch entwickelten Kinder. Gleichzeitig verbrachten sie überdurchschnittlich viel Zeit mit dem Betrachten von Hintergrunddetails – ein Muster, das frühere Forschungsbefunde bestätigt. Dieses Ergebnis zeigt, dass die grundlegende Priorisierung sozialer Information im Sichtfeld bei Autismus anders organisiert ist.

"Autistische Kinder verbringen außergewöhnlich viel Zeit damit, den Hintergrund zu betrachten – das gilt unabhängig davon, was im Vordergrund passiert." – Akin-Bulbul & Ozdemir, 2026

Kernbefund 2: Mit Spielzeug wird das Gesicht zur niedrigsten Priorität

In den Videos mit Spielzeug zeigte sich ein besonders deutliches Muster. Beide Gruppen – autistische und typisch entwickelte Kinder – richteten ihren Blick am häufigsten auf das Spielzeug. Das überrascht wenig: Objekte mit Bewegung und Farbe sind für das kindliche Gehirn hochgradig aufmerksamkeitsbindend. Was danach kommt, unterschied sich zwischen den Gruppen jedoch erheblich. Typisch entwickelte Kinder blickten nach dem Spielzeug auf Gesichter, dann auf Körper, dann auf den Hintergrund. Autistische Kinder zeigten die umgekehrte Reihenfolge: Nach dem Spielzeug kamen Körper und Hintergrund – Gesichter waren die letzte Priorität.

Kernbefund 3: Ohne Spielzeug schauen alle Kinder länger auf Gesichter

Der bedeutsamste Befund für die Praxis: Wurden Objekte aus der Szene entfernt, stieg die Blickzeit auf Gesichter bei beiden Gruppen deutlich an. Der Unterschied zwischen den Gruppen blieb bestehen, aber die absolute Zeit, die alle Kinder mit dem Betrachten sozialer Stimuli verbrachten, nahm messbar zu. Das bedeutet: Die Umgebungsgestaltung hat direkten Einfluss darauf, wie viel Zeit autistische Kinder mit dem Verarbeiten sozialer Information verbringen.

Körper vor Gesicht: Der Hinweis auf Körpersprache als soziale Ressource

Interessant ist zudem, dass autistische Kinder in den Szenen ohne Spielzeug zuerst auf den Körper schauten – und erst danach auf das Gesicht. Die Forscherinnen vermuten, dass dies auf die Handbewegungen und Körpergesten der Akteure zurückzuführen sein könnte, die beim Reden über Snacks besonders ausgeprägt waren. Dieser Befund legt nahe, dass autistische Kleinkinder Körpersprache als primären Kanal für soziale Information nutzen – bevor sie sich den feineren Signalen des Gesichts zuwenden. Für Therapeut:innen und Frühfördernde kann das ein wichtiger Hinweis sein: Klare, sichtbare Körpergesten können die soziale Wahrnehmung autistischer Kinder unterstützen.

Theoretischer Hintergrund: Objektwert und soziale Aufmerksamkeit

Das menschliche Gehirn bewertet ständig, welche Information in einer Szene die meiste Relevanz hat. Typischerweise werden Gesichter als besonders wertvoll eingestuft – sie liefern entscheidende Hinweise auf Absichten, Emotionen und Kommunikation. Dieser Mechanismus, den Forscherinnen als Objektwert-System beschreiben, scheint bei autistischen Kindern anders kalibriert zu sein: Nicht-soziale Informationen – Spielzeug, Hintergrunddetails – erhalten eine höhere Priorität. Das bedeutet nicht, dass autistische Kinder soziale Signale nicht verarbeiten können, sondern dass ihre Aufmerksamkeit in belebten Umgebungen stärker durch nicht-soziale Reize gebunden wird.

Konsequenzen für Therapie- und Förderräume

Die Ergebnisse liefern ein einfaches, aber wirksames Gestaltungsprinzip: Weniger visuelle Ablenkung bedeutet mehr Blickkontakt zu Menschen. Für Frühförderangebote, therapeutische Settings und pädagogische Umgebungen bedeutet das konkret:

Grenzen der Studie und Ausblick

Die Forscherinnen weisen auf einige Einschränkungen ihrer Arbeit hin. Um falsch-positive Ergebnisse zu vermeiden, wurden strenge statistische Korrekturverfahren eingesetzt. Diese konservative Analysestrategie kann dazu führen, dass kleinere Unterschiede im Blickverhalten nicht als statistisch signifikant ausgewiesen werden. Zudem wurden alle Kinder bereits mit Autismus diagnostiziert, als sie an der Studie teilnahmen. Da sie zum Zeitpunkt der Messung bereits 18 bis 36 Monate alt waren, konnten die Ursprünge dieser Aufmerksamkeitsmuster nicht verfolgt werden. Um zu verstehen, wann und warum sich diese Muster entwickeln, müssten Studien Kinder von Geburt an begleiten.

Trotz dieser Einschränkungen ist die praktische Relevanz der Studie erheblich. Das Wissen, dass visuelle Komplexität die soziale Aufmerksamkeit autistischer Kinder messbar reduziert, sollte in die Ausbildung von Fachkräften und die Gestaltung von Förderkonzepten einfließen. Einfache Anpassungen der Umgebung – ohne zusätzliche Technologie oder kostenintensive Maßnahmen – können das Potenzial sozialer Lernsituationen für autistische Kleinkinder spürbar erhöhen.

Fazit

Die Studie von Akin-Bulbul und Ozdemir macht deutlich: Was um ein Kind herum liegt, bestimmt mit, wohin sein Blick geht. Für autistische Kleinkinder ist dieser Zusammenhang besonders stark ausgeprägt. Spielzeug und visuelle Ablenkung konkurrieren direkt mit sozialen Gesichtern um Aufmerksamkeit – und in diesem Wettbewerb verliert das Gesicht. Indem Therapieräume und Fördersettings bewusst auf visuelle Reizreduktion setzen, lässt sich ein Rahmen schaffen, der soziales Lernen nicht nur möglich macht, sondern aktiv unterstützt.

Autismus, Eye-Tracking, Visuelle Aufmerksamkeit, Kleinkinder, Frühförderung, Soziale Kommunikation, Forschung, Interventionsgestaltung