5. Deutscher Psychotherapie Kongress 2026: Versorgung sichern statt kürzen – was auf dem Spiel steht
Honorarkürzungen, Wartezeiten, Weiterbildungsfinanzierung – Berliner Kongress setzt gesundheitspolitisches Zeichen
Am 9. Juni 2026 findet im Estrel Berlin der 5. Deutsche Psychotherapie Kongress (DPK) statt – und er beginnt mit einem unmissverständlichen Signal an die Gesundheitspolitik. Das Eröffnungspanel trägt den Titel „Psychische Gesundheit im Epochenbruch: Versorgung sichern statt kürzen" und bringt führende Vertreter:innen aus Wissenschaft, klinischer Praxis, Berufsverbänden und dem Bundesministerium für Gesundheit an einen Tisch. Anlass ist eine der drängendsten Debatten im deutschen Gesundheitswesen: Wie ist die psychotherapeutische Versorgung in einer Gesellschaft zu sichern, die unter wachsenden psychischen Belastungen leidet – während gleichzeitig Honorare gekürzt und Ausgaben gedeckelt werden?
Die Ausgangslage: Steigende Nachfrage, sinkende Vergütung
Die Zahlen sind eindeutig: Psychische Erkrankungen zählen heute zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen und Frühverrentungen in Deutschland. Durchschnittliche Wartezeiten auf einen ambulanten Therapieplatz von über 140 Tagen sind keine Ausnahme mehr, sondern der Normalzustand. Gleichzeitig sehen sich niedergelassene Psychotherapeut:innen mit spürbaren Honorarkürzungen konfrontiert, die viele als existenzielle Bedrohung ihrer Praxen beschreiben. Dieses Spannungsfeld – hohe gesellschaftliche Nachfrage, unzureichende strukturelle Antwort – steht im Mittelpunkt des diesjährigen Kongresses.
„Psychische Gesundheit ist eine zentrale Zukunftsfrage unserer Gesellschaft. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen seit Jahren, wie wirksam psychotherapeutische Versorgung ist. Gerade in Zeiten multipler Krisen sollte Gesundheitspolitik deshalb darauf ausgerichtet sein, wirksame Versorgung nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln." – Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
Was die Honorarkürzungen in der Praxis bedeuten
Die aktuellen Kürzungen der Vergütungssätze in der ambulanten Psychotherapie treffen die Versorgung an einer neuralgischen Stelle. Niedergelassene Psychotherapeut:innen arbeiten bereits heute häufig an der wirtschaftlichen Grenze: Die Praxiskosten steigen, die bürokratische Last nimmt zu und der therapeutische Nachwuchs trägt jahrelange Ausbildungsschulden. Wenn unter diesen Bedingungen die Honorare sinken, hat das direkte Konsequenzen: Praxen reduzieren Kassensitze, verlagern sich in Richtung Privatpatienten oder schließen ganz. Die Leidtragenden sind Patient:innen, die ohnehin lange auf einen Termin warten – besonders in ländlichen und strukturschwachen Regionen.
Die Weiterbildungsfinanzierung: Eine ungelöste Strukturfrage
Ein zweites zentrales Thema des Kongresses ist die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung. Seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes 2019 absolvieren angehende Psychotherapeut:innen ein universitäres Masterstudium, bevor sie eine mehrjährige, bezahlte Weiterbildung in einer anerkannten Einrichtung beginnen. Die Finanzierung dieser Weiterbildungsstellen ist jedoch bundesweit uneinheitlich und vielerorts unzureichend geregelt. Das führt dazu, dass gut ausgebildeter Nachwuchs ausbleibt oder in andere Versorgungsbereiche abwandert – ein strukturelles Problem, das sich mittel- und langfristig direkt auf die Versorgungskapazität auswirkt.
„Die aktuellen Honorarkürzungen senden ein fatales Signal in einer Zeit steigender psychischer Belastungen. Wer Versorgung schwächt, verlängert Leidenswege und verschärft gesellschaftliche Folgekosten." – Dr. Christina Jochim und Dr. Enno Maaß, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV)
Das Eröffnungspanel: Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik
Besonders bemerkenswert an der Programmgestaltung des 5. DPK ist die direkte Einbindung des Bundesministeriums für Gesundheit in das Eröffnungspanel. Damit soll kein geschlossenes Fachpublikum unter sich bleiben, sondern ein echter politischer Dialog entstehen: Aktuelle gesundheitspolitische Entscheidungen werden unmittelbar mit Stimmen aus der Versorgungsrealität, der Forschung und dem Auditorium konfrontiert. Das Format versteht sich explizit als Raum für kritische Auseinandersetzung – ein Ansatz, der den Kongress seit seiner Gründung im Jahr 2022 auszeichnet.
Die Kongresspräsidentinnen 2026
Wissenschaftlich geleitet wird der 5. Deutsche Psychotherapie Kongress von Prof. Dr. Hanna Christiansen (Philipps-Universität Marburg) und Prof. Dr. Cornelia Weise (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg). Ausgerichtet wird er gemeinsam von der Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der DGPs, dem Verbund universitärer Ausbildungsinstitute unith e.V. sowie der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV).
Warum dieser Kongress 2026 besonders relevant ist
- Psychische Erkrankungen sind die dritthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland
- Über 140 Tage durchschnittliche Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz
- Honorarkürzungen in der ambulanten Psychotherapie gefährden die Praxisviabilität
- Unzureichende Finanzierung der Weiterbildung hemmt den therapeutischen Nachwuchs
- Gesellschaftliche Krisen – Pandemie, Klimawandel, geopolitische Unsicherheit – erhöhen die psychische Belastung strukturell
- Fehlende Therapieplätze führen zu kostenintensiveren stationären Aufenthalten und höheren Krankheitsfolgekosten
Was Fachkräfte und Patient:innen jetzt wissen sollten
Der 5. Deutsche Psychotherapie Kongress findet am 9. Juni 2026 im Estrel Berlin statt und ist öffentlich zugänglich – auch für Fachpresse und interessierte Fachkräfte aus der psychotherapeutischen Versorgung. Das Eröffnungspanel mit dem politischen Schwerpunkt beginnt am Vormittag. Darüber hinaus bietet der Kongress wie in den Vorjahren ein breites wissenschaftliches Programm zu aktuellen Themen der klinischen Psychologie und Psychotherapie.
Fazit: Psychische Gesundheit ist keine Sparmasse
Der 5. Deutsche Psychotherapie Kongress kommt zum richtigen Zeitpunkt. Er macht deutlich, dass psychische Gesundheit keine nachgeordnete Haushaltsgröße ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Kernaufgabe. Versorgungsengpässe haben direkte Folgekosten – für Betroffene, für Arbeitgeber, für Sozialsysteme. Wer heute an der psychotherapeutischen Versorgung spart, zahlt morgen einen deutlich höheren Preis. Die Forderungen aus Wissenschaft und Praxis sind klar: nachhaltige Honorarstruktur, verlässliche Weiterbildungsfinanzierung und ein politisches Bekenntnis dazu, dass psychische Gesundheit im Zentrum einer modernen Gesundheitspolitik steht.